Bayerisches Königliches Familien-Statut

vom 5. August 1819

Maximilian Joseph von Gottes Gnaden König von Bayern u. s. w. Urkunden und bekennen hiermit: Da die Verfassungs-Urkunde Unseres Reiches vom 26. Mai 1818 Abänderungen des unterm 18. Jänner 1816 bekannt gemachten Familien-Gesetzes in einigen wesentlichen Stücken erfordert, so haben Wir nach vorgängiger Berathung in einer Versammlung Unseres Gesammt-Ministeriums, unter Zustimmung der Agnaten Unseres Hauses, nachfolgendes, künftig allein gültiges Haus-Grund-Gesetz erlassen, in welchem alle Anordnungen der ältern Familien-Gesetze und Verträge, so weit sie mit den in obenerwähnter Verfassungs-Urkunde enthaltenen Bestimmungen vereinbarlich und auf die übrigen Verhältnisse Unseres Hauses noch anwendbar sind, aufgenommen worden.

Wir beschliessen hiernach und verordnen:
 

erster Titel.
Von den Personen des Königlichen Hauses.

§. 1.
Das Königliche Haus begreift:

alle Prinzen und Prinzessinnen, welche von dem Könige oder von einem Descendenten des gemeinschaftlichen Stamm-Vaters des Königlichen Hauses, durch anerkannte, ebenbürtige, rechtmässige Ehen, in männlicher Linie abstammen ;
die Gemahlinnen der Königlichen Prinzen und ihre Wittwen, während ihres Wittwenstandes.
§. 2.
Alle Glieder des Königlichen Hauses sind der Hoheit und Gerichtsbarkeit des Monarchen untergeben, und Er übt als Haupt des Hauses eine besondere Aufsicht, mit bestimmten Rechten, über sie aus.
§. 3.
Diese Rechte sind während der Minderjährigkeit des Königes, oder während der Dauer Seiner Verhinderung in Ausübung der Regierung, dem Reichsverweser übertragen.
 

zweiter Titel.
Von den Heirathen der Prinzen und Prinzessinnen des Königlichen Hauses

§. 1.
Kein bayerischer Prinz und keine bayerische Prinzessin darf eine eheliche Verbindung eingehen, ohne dazu vorher die Einwilligung des Königs erhalten zu haben.

§. 2.
Wenn der König die Bewilligung ertheilt, so wird die Urkunde darüber unter Königlicher eigenhändiger Unterschrift und Königlichem Siegel, und unterere Contrasignatur des Staats-Ministers des Königlichen Hauses ausgefertiget.

§. 3.
Unterbleibt diese förmliche Einwilligung, so hat die geschlossene Ehe eines Mitgliedes des Königlichen Hauses, in Beziehung auf den Stand, Titel und Wappen desselben keine rechtliche Wirkung. Eben so wenig, können daraus auf Staats-Erbfolge, Apanage, Aussteuer, Witthum, selbst auf die nach ältern Herkommen und Familien-Verträgen zugestandenen Vortheile einer Ehe zur linken Hand Ansprüche gemacht werden. Die aus solcher Ehe erzeugten Kinder, oder die zurückgebliebene Wittwe, haben nur eine Alimentation aus dein eigenen Vermögen des Vaters oder Ehegemahls zu fordern.

§. 4.
Alle von den Prinzen und Prinzessinnen des Königlichen Hauses geschlossenen Ehe-Verträge sind nichtig, wenn sie die Königliche Bestätigung nicht erhalten haben.

§. 5.
Keinem Mitgliede des Königlichen Hauses ist eine Adoption gestattet.
 

dritter Titel.
Von den Verhandlungen über die Geburt, die Vermählungen und die Sterbfälle im Königlichen Hause.
§. 1.
Diese Verhandlungen werden unter der Leitung des Ministers des Königlichen Hauses aufgenommen. Der König ernennt aus den nächsten Prinzen des Hauses, nach diesen aus den Ministern, Kron- und ersten Staats-Beamten die zu solchen Verhandlungen erforderlichen Zeugen.
§. 2.
Wenn der König an dem Orte, wo die Verhandlung vor sich geht, nicht gegenwärtig sein sollte, und die Zeugen nicht selbst ernannt hat, so geschieht die Ernennung derselben aus den oben bezeichneten Personen durch den Minister des Königlichen Hauses aus besonderm Auftrage des Königs, und im Fall auch der oben genannte Minister nicht gegenwärtig sein sollte, so werden folgende Zeugen dafür bestimmt:

ein volljähriger Prinz des Hauses, wenn ein solcher anwesend ist;
die zwei ersten im Orte befindlichen Staats-Diener, nebst den Hofbeamten des Prinzen, welchen die Verhandlung betrifft. Die Verhandlung selbst muss von dein ersten Königlichen Beamten aufgenommen, von den Zeugen mit unterschrieben, und sodann an den obenerwähnten Minister eingesendet werden, durch welchen sie, soferne sie nach den Vorschriften des Gesetzes verfasst, und von ihm nichts dagegen zu erinnern gefunden worden ist, dem Könige vorgelegt wird.
§. 3.
Bei Sterbfällen der Prinzen und Prinzessinnen des Königlichen Hauses wird das Siegel in ihren Pallästen und Häusern durch den Minister des Königlichen Hauses angelegt. An dem Orte, wo derselbe nicht gegenwärtig ist, besorgt die Siegelanlegung der erste allda wohnende Königliche Staats-Beamte, als der aus beständigem Auftrage hierzu ernannte Bevollmächtigte des erwähnten Ministers.
§. 4
In allen vorhin erwähnten Fällen wird das Original der verfassten Urkunde in dein Archive des Königlichen Hauses, und eine beglaubigte Abschrift in den, Reichsarchive hinterlegt.
 

vierter Titel.
Von der Aufsicht des Königs über die Prinzen und Prinzessinnen des Königlichen Hauses.
§. 1.
Dem Könige als Regenten und Haupte des Hauses kömmt die Befugniss zu, Einsicht von der Erziehung aller Prinzen und Prinzessinnen Seines Hauses zu nehmen.
§. 2.
Kein Prinz und keine Prinzessin des Königlichen Hauses darf ohne ausdrückliche Erlaubniss des Königs in einen fremden Staat sich begeben.

§. 3.
Ueberhaupt steht es dem Monarchen zu, alle zur Erhaltung der Ruhe, Ehre, Ordnung und Wohlfahrt des Königlichen Hauses dienliche Maassregeln zu ergreifen.
 

Fünfter Titel.
Von der Thron- und Erbfolge.
§. 1.
Bei der Thronfolge treten diejenigen Bestimmungen ein, welche in der Verfassungs-Urkunde Tit. II. §§. 2., 3., 4., 5. und 6. deshalb enthalten sind.
In den Fällen, da ein Vicekönig aufgestellt wird, soll der zur Thronfolge bestimmte Prinz, oder in Ermangelung eines dazu geeigneten Prinzen, ein Eingeborner dazu ernannt werden.

§. 2.
Für die Dauer des Mannsstammes, und im Falle, wenn ein durch Erbverbrüderung zur Thronfolge berechtigter Prinz vorhanden ist, sind die Prinzessinnen von der Nachfolge zur Krone durch die Verfassungs-Urkunde ausgeschlossen.

Der Verzicht auf diese Nachfolge soll in künftigen Eheverträgen unter Beziehung auf die einschlägige Stelle der Verfassungs-Urkunde besonders ausgedrückt werden.

§. 3.
Die Prinzessinnen sind nicht nur von der Regierungsfolge, sondern auch von der Intestat-Erbfolge alles beweglichen Vermögens des Mannsstammes, sowohl in der Hauptlinie, als in den Nebenlinien, ausgeschlossen, so lange noch männliche Sprossen im Königlichen Hause vorhanden sind.

Bis zur Erlöschung des Manns-Stammes bleiben sie auf die ihnen ausgesetzte Aussteuer beschränkt. Sollte der oben vorgeschriebene Verzicht durch irgend einen Zufall nicht geleistet worden sein, so werden sie nach den Gesetzen des Königlichen Hauses zu Gunsten des Manns-Stammes für verzichtet geachtet

§. 4.
Im Falle gänzlicher Erlöschung des Manns-Stammes wird den Prinzessinnen die Erbfolge in das Privat-Vermögen des letzten Monarchen nach dem folgenden VIII. Titel eröffnet. Bei jenem zurückgelassenen Vermögen, welches als Bestandtbeil des der Krone angehörigen Vermögens nach den früheren Familien-Gesetzen und Verträgen des Königlichen Hauses und der Verfassungs-Urkunde des Reichs Tit III. §§1. und 2. erklärt ist, richtet sich die Erbfolge nach den Bestimmungen über die Thronfolge.

sechster Titel.
Von Apanagen, Aussteuer und Witthum.
§. 1.
Keine Apanage darf künftig auf liegende Güter, sondern sie soll in einer Geld-Rente von höchstens hunderttausend Gulden, welche in monatlichen Beträgen an die nachgebornen Prinzen auszubezahlen ist, auf die Königliche Staats-Kasse angewiesen werden. Für die nachbgebornen Söhne des Königs wird die Apanage nienials unter achtzigtausend Gulden, wenn sie etablirt und verheirathet sind, und nicht unter sechzigtausend Gulden, wenn sie vor ihrer Vermählung sich etabliren, betragen. Wenn von dem Könige nur zwei Prinzen hinterlassen worden sind, so tritt der Nachgeborne in die volle Apanage von hunderttausend Gulden ein, ohne dass in der Folge eine Verminderung statt finden darf, jedoch wir bei den nachgebornen Söhnen der künftigen Könige die wirkliche Vermählung vorausgesetzt, ausserdem mit der Etablirung lediglich eine Apanage von achtzigtausend Gulden verbunden sein soll. Neben-Einkünfte, welche von Militär- oder andern Chargen oder aus besondern Titeln bezogen werden, können in die Apanage nicht eingerechnet werden.
§. 2.
Der Unterhalt des Kronprinzen wird jedesmal besonders festgesetzt, und auf die Staats-Kasse angewiesen.

§. 3.
Die Apanagen der Nachgebornen werden nach dem §. 1. angeführten Maass-stabe von dem Könige durch eine besondere Urkunde festgesetzt und angewiesen, sobald für den nachgebornen Prinzen ein eigenes Haus gebildet wird. Bis dahin werden die nachgebornen Prinzen zwar auf Kosten der Königlichen Staats-Kasse unterhalten, dieser Unterhalt wird aber jährlich von dem Könige besonders bestimmt.

§. 4.
Da, wo bereits besondere Apanagial - Verträge im Königlichen Hause bestehen, hat es hiebei sein Verbleiben.

§. 5.
Die Prinzen des Königlichen Hauses sind nach dem Tode ihres Vaters berechtigt, nach erreichtem 21sten Jahre sich besonders zu etabliren, und hierzu die ihnen gebührende Apanage in Anspruch zu nehmen.

§. 6.
Wenn für einen nachgebornen Prinzen die Apanage festgesetzt und angewiesen ist, so muss derselbe davon nicht nur den Unterhalt seines Hauses, sondern auch die Aussteuer seiner Töchter, die Etablirung und Versorgung seiner Söhne, und die Witthume in seiner Linie bestreiten. Sollte dessen Familie so zahlreich sein, dass die ausgesetzte Apanage zu ihrem standesmässigen Unterhalte nicht mehr hinreichte, oder dass für das Haus eines Prinzen aus den Nebenlinien nicht wenigstens der dritte Theil des Minimums der Apanage eines Königlichen Prinzen auszumitteln wäre, so wird der König für solche einzelne Fälle das Abgängige ergänzen.

Auf den Fall des Abganges einzelner Zweige von der Linie eines nachgebornen Prinzen wächst der eröffnete Antheil der Apanage mit den damit verbundenen Lasten des Witthums, sowie des Unterhalts und der Aussteuer der Prinzessinnen den übrigen Zweigen jener Linie gleichheitlich zu. Dem Könige bleibt jedoch vorbehalten, aus dieser eröffneten Apanage den Unterhalt und die Aussteuer der genannten Prinzessinnen zu bestimmen, wenn nicht schon früher der letzte Sprosse der abgegangenen Nebenlinie mit Königlicher Bewilligung hierüber Vorsehung getroffen haben sollte.

§. 7.
Ein apanagirter Prinz muss allzeit die in seinem Hause getroffenen Einrichtungen dem Könige zur Bestätigung anzeigen.

§. 8.
So lange die Prinzessinnen ledig sind, muss für ihren standesmässigen Unterhalt gesorgt werden, welcher von dem Könige für seine Prinzessinnen Töchter in dem für das Königliche Haus entworfenen Etat jährlich bestimmt wird.

§. 9.
Wenn der Monarch für den Fall seines Ablebens mit dem Regierungs-Nachfolger wegen des Unterhalts Seiner zurückgelassenen Prinzessinnen keine besondere Verabredung getroffen hat, und die verwittwete Königin gleichfalls nicht mehr am Leben ist, so ist der Nachfolger verbunden, einer jeden volljährigen Prinzessin, sobald ein eigenes Haus für sie gebildet wird, bis zu ihrer Vermählung für ihren standesmassigen Unterhalt eine jährliche Rente von wenigstens vier und zwanzigtausend Gulden und höchstens dreissig tausend Gulden in monatlichen Raten anzuweisen.

Ohne besondere Gründe kann aber, sobald die Prinzessin das 25ste Jahr zurückgelegt hat, derselben die Bestellung eines eigenen Hauses nicht versagt werden.

§. 10.
So lange die verwittwete Königin am Leben ist, und ihren Wittwenstand nicht ändert, verbleiben die ledigen Prinzessinnen Töchter in ihrem Hause unter ihrer unmittelbaren Aufsicht, und empfangen von dem Thronerben für ihren Unterhalt die Hälfte der obigen Summe. Wenn eine Prinzessin nach zurückgelegtem 25sten Jahre mit Genehmigung des Königs aus dem mütterlichen Hause tritt, so erhält sie die volle Apanage, vorbehaltlich der dem Monarchen vermöge des IV. Titels zustehenden Rechte der Aufsicht.

§. 11.
Für jede Prinzessin aus der Königlichen Hauptlinie ist bei ihrer Vermählung zur Aussteuer und Total - Abfindung, ein Betrag von hundert tausend Gulden festgesetzt.

§. 12.
Das Witthum der regierenden Königin bestimmt sich, nebst einer anständigen eingerichteten Residenz, jedesmal nach dem abgeschlossenen Ehevertrage, darf aber künftig nie mehr als einmalhundert zwanzig tausend Gulden jährlich, nebst benöthigter Fourage und Holz, betragen.

In Ansehung des Witthums der gegenwärtig regierenden Königin verbleibt es bei den hierüber getroffenen Anordnungen.

§. 13.
Die darüber zu errichtende Urkunde wird von dem Könige unterzeichnet, und mit Seinem Kabinets-Siegel gefertiget, dann in Gegenwart zweier, von dem Könige besonders hierzu ernannten Zeugen dem Minister des Königlichen Hauses zugestellt, worüber ein besonderes Protokoll aufgenommen wird.

§. 14.
Die ausgefertigte Urkunde wird alsdann in dem Haus-Archive bis zu dein Zeitpunkte des eintretenden Falles aufbewahrt.

§. 15.
Nach dem erfolgter Ableben des Monarchen wird sie Seinem Nachfolger von Minister des Königlichen Hauses vorgelegt, welcher gehalten ist, dieselbe pünktlich vollziehen zu lassen, und der Wittwe eine Abschrift hiervon mitzutheilen.

§. 16.
Die nachgebornen Prinzen bestimmen Auf eine ähnliche Art das Witthum ihrer Gemahlinnen, jedoch muss die darüber ausgefertigte Urkunde dem Könige zur Bestätigung vorgelegt werden.

siebenter Titel.
Von dem Hofstaate des Königlichen Hauses.

§. 1. Der König ernennt Seinen Hofstaat, jenen der Königin, des Kronprinzen, der Königlichen Wittwen und der Apanagirten in der Königlichen directen Linie. Die Wahl des Hofstaates der Prinzen der Neben-Linien muss Ihm angezeigt, und kann nur mit Seiner Genehmigung angeordnet werden.

achter Titel.
Von dem Privat-Vermögen der Glieder des Königlichen Hauses und der Erbfolge in dasselbe.

§. 1. Ueber alle Gegenstände, welche zu dein Staats- und Haus-Fidei-Kommiss-Vermögen gehören (Tit V. §§. 3. und 4.) steht dem jedesmaligen Regenten keine Privat-Disposition zu; diese kann sich nur auf dasjenige Vermögen erstrecken, welches der Monarch weder ans Staats-Mitteln, noch durch Staats-Verträge, noch in fideikommissarischer Eigenschaft zur Vererbung im vorhandenen Mannsstamme, sondern durch Ersparniss aus den zu Seiner Privat-Disposition gestellten Einnahmen, oder aus sonstigen Privattiteln erworben, und dem Vermögen des Staates und der Krone noch nicht einverleibt hat.

§. 2.
Der Monarch ist in Seinen Dispositionen an die Vorschriften der bürgerlichen Gesetze nicht gebunden.

§. 3.
In Ermangelung einer Disposition findet in das zurückgelassene Privat-Vermögen des Monarchen auch eine Intestat-Erbfolge, jedoch nur mit der Tit. V. §. 3. enthaltenen Beschränkung und vorbehaltlich der in der Verfassungs-Urkunde Tit. III. §. 1. enthaltenen Bestimmungen statt.

§. 4.
Die eintretende Intestat-Erbfolge richtet sich nach den bürgerlichen Gesetzen.

§. 5.
Die übrigen Glieder des Königlichen Hauses sind bei den Dispositionen über ihr Privat-Vermögen an die Beobachtung der bürgerlichen Gesetze gehalten, nach welchen auch die Erbfolge in dasselbe bestimmt wird.

§. 6.
Ueber die ihnen angewiesene Apanage steht ihnen ohne Genehmigung des Königs keine Disposition, selbst in ihrer Linie, zu.

§. 7.
Nach dein Abgange der männlichen Nachkommenschaft eines nachgebornen Prinzen fällt die ihm und seiner direkten Linie angewiesene Apanage, mit den darauf ruhenden Lasten des Witthums, sowie des Unterhalts und der Aussteuer der Prinzessinnen, wenn nicht der Tit. VI. §. 6. angeführte Fall des Zuwachses an die übrigen Zweige einer und der nämlichen Nebenlinie eintritt, an die Krone zurück.

neunter Titel.
Von der Reichsverwesung und den Vormundschaften
§. 1.
Die Volljährigkeit der Prinzen und Prinzessinnen des Königlichen Hauses tritt mit dem zurückgelegten 18ten Jahre ein.
§. 2.
In Ansehung der Reichsverwesung kommen jene Bestimmungen in Anwendung, welche in der Verfassungs-Urkunde Tit. II. §§. 9. bis 14. und §§. 15. bis 22. enthalten sind.

§. 3.
Die Vormundschaft über die Königlichen Prinzen und Prinzessinnen, in so weit sie auf die Reichsverwesung sieh nicht bezieht, kann durch eine väterliche Disposition besonders angeordnet werden. In Ermangelung einer solchen Disposition gebührt der verwittweten Königin, welche in jedem Falle die Erziehung Kinder hat, die Vormundschaft über das Privat-Vermögen derselben während ihrer Minderjährigkeit, jedoch allzeit unter der Aufsicht des Monarchen, oder des gesetzlichen Reichsverwesers, welcher das Gutachten des Regentschafts-Rathes hiebei zu erholen hat. Die nämliche Aufsicht hat auch bei der durch den verstorbenen Monarchen angeordneten Vormundschaft statt.

§. 4.
Sollte die verwittwete Königin vor beendigter Vormundschaft mit Tod abgehen oder wegen eines gesetzlichen Hindernisses die Vormundschaft nicht fortführen können, so kömmt die Anordnung derselben dein nachgefolgten Monarchen, oder dem jedesmaligen ReichsVerweser mit Vernehmung des Regentschafts-Rathes zu.

§. 5.
Die Prinzessinnen verbleiben unter der Kuratel des Monarchen oder des Reichsverwesers bis zu ihrer Vermählung, ohne Unterschied, ob sie bei der verwittweten Königin sich befinden, oder ein besonderes Haus für sie gebildet worden ist.

§. 6.
Die Prinzen des Königlichen Hauses können für die Verwaltung des Vermögens und der Erziehung ihrer minderjährigen Kinder Vormünder ernennen, diese müssen aber von dem Könige bestätigt werden.

§. 7.
Wenn der Vater entweder selbst keine Vormünder ernannt hat, oder die ernannten haben die Königliche Genehmigung, nicht erhalten, so kömmt ihre Bestellung dem Könige zu.

§. 8.
Die Vormünder müssen bei der Erziehung der Prinzen und Prinzessinnen dasjenige beobachten, was Tit. IV. §. 1. deshalb verordnet ist.

§ 9.
In Ansehung der Verwaltung des Vermögens haben sie die Vorschriften der Gesetze des Königreichs zu beobachten, jedoch wird bei ihren Handlungen, wo bei Privaten die Bestätigung der Gerichte vorgeschrieben ist, die Bestätigung des Königs erfordert.

zehnter Titel.
Von der Gerichtsbarkeit über das Königliche Haus in streitigen Fällen und von dem Familienrathe.
§. 1.
Real- und vermischte Klagen gegen ein Glied des Königlichen Hauses werden bei den einschlägigen Königlichen Appellations-Gerichten angebracht.
§. 2.
Ueber alle andere persönliche gerichtliche Angelegenheiten der Prinzen und Prinzessinnen des Hauses verfügt und entscheidet der König.

Den vorläufigen Versuch der gütlichen Vereinbarung hat der Königliche Staatsminister der Justiz auf Königlichen Auftrag anzustellen. Bleibt derselbe ohne Erfolg so wird der Prozess durch die Präsidenten des Ober-Appellations-Gerichts und des Appellations-Gerichts der Residenz-Stadt nach der bestehenden Gerichtsordnung im Königlichen Namen und nach vorläufigem besondern Auftrage des Königs instruirt. Die auf obige Weise instruirten Akten werden an das Königliche Staats-Ministerium der Justiz eingesendet. Die Entscheidung, der Sache erfolgt durch den König nach vorher eingeholtem gemeinschaftlichen Gutachten der beiden Staats-Ministerien des Königlichen Hauses und der Justiz in erster und zugleich letzter Instanz.

§. 3.
Die Deposition der Zeugschaften ist von den Königlichen Familien-Gliedern bei fürstlichem Trauen und Glauben durch einen Präsidenten des Ober-Appellations-Gerichts zu erholen, und dem einschlägigen Gerichte mitzutheilen.

§. 4.
Dem Könige bleibt es vorbehalten, zu Entscheidung, wichtiger Fälle in persönlichen Angelegenheiten der Glieder des Königlichen Hauses einen Familien Rath zu berufen. Derselbe besteht aus dem Könige, dem Kronprinzen, denjenigen Prinzen des Königlichen Hauses, welche das 21ste Jahr erreicht haben, den Kronbeamten und Ministern.

§. 5.
Die Zusammenberufung wird den sämmtlichen Mitgliedern durch ein besonderes Königliches Dekret bekannt gemacht.

§. 6.
Der Familien-Rath als Königlicher oberster Gerichtshof wird von dein Könige oder in dessen Abwesenheit von dem Kronprinzen präsidirt; sind beide nicht gegenwärtig, so wird das Präsidium nach Gutbefinden des Monarchen einem Andern durch ein besonderes Dekret übertragen.

§. 7.
Der Staatsminister der Justiz hat bei dem Königlichen Familien-Rathe den Vortrag.

§. 8.
Der Familien-Rath erkennt in der ihin beigelegten Eigenschaft nach den rechtlichen Verhältnissen des Falles.

Die Bestätigung bleibt dein Könige vorbehalten.

Wir erklären dieses Familienstatut als ein pragmatisches Hausgesetz, welches nicht nur sämmtliche MitgIieder Unseres Hauses verbindet, sondern auf dessen Beobachtung auch sämmtliche Staats-Ministerien und übrige Landesstellen angewiesen werden.

So geschehen in Unserer Haupt- und Residenz-Stadt München, den fünften Tag im Monat August, im Jahre nach Christi Unseres Seligmachers Geburt, Eintausend achthundert und neunzehn, Unseres Reiches im Vierzehnten.
 
 

Das vorstehende Gesetz erläuterte den Titel II. § 18 der Verfassungs-Urkunde. Dieses Gesetz ist direkte Folge der, am 10. Juni 1886 beginnenden Regentschaftszeit in Bayern, die erst auf verfassungsgesetzlichem Wege (nicht durch den Tod des nicht regierungsfähigen Königs Otto) am 5. November 1913 beendet war.


Quellen: Gesetz- und Verordnungsblatt für das Königreich Bayern 1887, S. 625
Hermann Rehm, Quellensammlung zum Staats- und Verwaltungsrecht des Kgr. Bayern, Verlag Hirschfeld, Leipzig 1903
©  20. Mai 2003 - 11. Juni 2003
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