Aufruf der provisorischen Regierung an das württembergische Volk

vom 11. November 1918

 

An das württembergische Volk !

Das am 8. November gebildete parlamentarische Gesamt-Ministerium hat seine Entlassung erbeten und erhalten.

Die Mitglieder der neuen Regierung haben die Geschäfte übernommen und die gesamte öffentliche Gewalt liegt von nun ab in den Händen der provisorischen Regierung.

Die provisorische Regierung hat ihr in der Kundgebung vom 9. November gegebenes Versprechen erfüllt, geeignete Fachleute für die Fortführung der Verwaltungsgeschäfte heranzuziehen ohne Rücksicht auf deren politische oder religiöse Gesinnung. Es sind in die Regierung neu eingetreten die Herren Baumann für das Ernährungswesen, Kiene für die Justiz, Liesching für die Finanzen.

Das Verkehrswesen bleibt dem Ministerium des Auswärtigen unterstellt. Die obersten fachmännischen Leiter bleiben für die Eisenbahnen der Präsident der Generaldirektion der Staatseisenbahnen Staatsrat Stieler, für das Postwesen der Präsident der Generaldirektion der Posten und Telegraphen Metzger.

Diese Gestaltung der Dinge ist erfolgt im Einvernehmen mit dem Arbeiter- und Soldatenrat.

Nur Verfügungen, die von der Regierung und den zuständigen Ministerien ausgehen, haben Rechtskrat. Die bisher von anderen Stellen abgegebenen Ausweise verlieren sofort ihre Gültigkeit.

Alle Gesetze und Verordnungen bleiben in Kraft, soweit sie nicht durch besondere Verfügung der Regierung abgeändert oder aufgehoben werden. Dies gilt insbesondere für alle die Bewirtschaftung der Lebensmittel regelnden Vorschriften.

Der Sicherheitsdienst wird von den bisherigen staatlichen und gemeindlichen Organen unter Mitwirkung von Soldaten ausgeübt. Die Soldaten folgen ausschließlich den Anordnungen des Leiters des Kriegswesens.

Eine ausgedehnte Amnestie wird in den allernächsten Tagen gewährt.

Die Umwälzung ist vorläufig vollzogen. Die friedliche Entwicklung muß das weitere Ziel sein. Pflicht aller Volksgenossen ist es, hierbei mitzuwirken und die gewaltigen Kulturaufgaben zu fördern, die nach den Zerstörungen des Weltkriegs vor uns stehen.

In erster Linie muß die strengste Ordnung gesichert werden, um die Städte und Industriegebiete vor dem Hungertod zu schützen. Das Land hat alle Veranlassung, eine geordnete Verpflegung der Städte und der zurückkehrenden Truppenmassen sichern zu helfen, da nur so ein regelloses Hinwegströmen über das platte Land mit allen seinen schlimmen Folgen verhindert werden kann.

Die heute schon herrschende Not wird durch das Zurückfluten Hunderttausender von Soldaten ins Ungeheuere gesteigert. Diese unerhörte Zwangslage nötigt zu sofortigen scharfen und weitgehenden Maßnahmen.

Der Ausgang des Krieges und nicht die politische Umgestaltung in Württemberg zwingt zu unvermeidlichen weiteren Einschränkungen.

Unternehmer und Arbeiter, Handwerker und Bauern müssen jeder Erschütterung der Volkswirtschaft, jedem regellosen Durcheinander mit allen Kräften vorbeugen !

Planmäßiges, organisatorisches, friedliches und freiheitliches Zusammenarbeiten ist unsere Richtschnur.
    Setze jeder seinen Dienst und seine Arbeit in gewohnter Weise fort !
    Die Soldaten in die Kaserne !
    Die Arbeiter und Angestellten in den Betrieb !
    Die Beamten auf ihren Posten !
    Die Handwerker in die Werkstatt !
    Die Bauern an die Arbeit !
    Für jeden Bürger gilt die Arbeitspflicht !

    Stuttgart, den 11. November 1918

Die provisorische Regierung:
Blos.    Baumann.    Crispien.  Heymann.    Kiene.    Liesching.
Lindemann.        Schreiner.


Quelle: Regierungsblatt für Württemberg 1918 S. 253
© 13. August 2004

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