"Tübinger Vertrag"
zwischen dem Herzog Ulrich von Württemberg als Landesherrn und den Prälaten und der Landschaft von Württemberg als Vertreter der Landstände

vom 8. Juli 1514

faktisch aufgehoben infolge des Staatsstreichs des Kurfürsten (König) Friedrichs von Württemberg am 30. Dezember 1805

Des allerdurchleuchtigsten, grossmechtigsten fürsten und herren hern Maximilian von gots gnaden romischen kaysers zu allen zyten merers des rychs etc.

unsers allergnedigsten hern gesandt räte, mit namen wir
    Jörig grave zu Montfort her zu Bregentzs,
    Cristof herr zu Limppurg des hailigen rychs erbschenckh semperfry und Johann Schad baider rechten doctor und
    von gottes gnaden wir Wilhälme bischofe zu Strassburg landgrafe in Elsäss,
    ouch von denselben gnaden wir Hug bischof zu Costantzs,
    auch wir nachbenanten Schenckh Valentin her zu Erbach, Florentz von Veningen baider rechten doctor cantzler und
    Franciscus von Sickhingen von unsern gnedigsten und gnedigen hern hern Ludwig churfürsten und hern Friderichen baiden pfalntzgrafen by Reyn und hertzogen in Bayrn gebrüder,
    Petter von Uffsess zu Bamberg und Wirtzburg thumbherr, propst zu Chomberg und
    Ludwig von Hutten ritter von unserm gnedigen hern,
    hern Lourentzen bischofen zu Wirtzburg und hertzogen zu Francken und Pleyckher Landtschade
    von mins gnedigen hern hern Philipsen marggraven zu Baden und Rötteln

gesandt und verordnet räte bekhennen ofenlich in disem briefe und thund kund allermeniglich, nachdem sich zwischend dem

durchlenchtigen hochgebornen fürsten und hern hern Ulrichen hertzogen zu Wirttemberg und zu Teckh, grafen zu Mümppelgart etc. unserm lieben hern freund und gnedigen hern ains

und den erwürdigen und ersamen prelaten und gemainer landschaft siner lieb und gnaden fürstenthumbs verwanten und unterthanen anderstails

etlich spenn und gebrechen gehalten, derenhalb etwas ufruren under gemainer landschaft sich erwegt und begeben, aber darzwischent sovil in der gütin fürgenommen und gehandelt, das dieselbige zu gemainem siner lieb und gnaden usgeschriben landtag alher und zu ferrer handlung gebracht, ouch etwas vil tag her zwischent inen baydersyts gehandelt worden, aber zuletzst für uns zu gütlicher handlung kommen, darinn wir sovil arbait und flys fürgewent und gethon, das wir sie solicher aller und sonderlich mit ir baider tailen gutem wissen und willen in der güte entschaiden und vertragen haben, wie hernach folgt.

Nemlich und zum ersten söllent die landschaft für sich obgemeltem hertzog Ulrichen fünf jar lange die nesten ains jeden jars geben und raichen zway und zwaintzig tusend guldin, dartzu söllent im die prelaten, stift, clöster, ouch die ämpter Mümpelgart, Nürtingen, Plamont und Rychewylr ouch geben und raychen, als vil by denselben allen erraicht werden mag, und sölichs alles, so die angezögten fünf jar lang allenthalp, wie obstet, gefellt, söllent zu hertzog Ulrichs wachender schuld und zu stattlicher bezalung der gilten bewendt werden. Darnach und nach usgang der fünf jaren obgemelt söllent gemaine landschaft mit sampt den prelaten, stiften, clöstern, ouch den ämptern Mümpelgart, Nürtingen, Plawmont und Rychenwyler, so vil by denselben ämptern ouch erlangt werden mag, achtmal hundert tusend guldin houptguts zu ablösung der zins unnd gilten, damit das fürstenthumb beswert ist, uf sich nemen und bezalen, wie hernach folgt. Also das die landschaft für sich daran söllent geben zway und zwantzig tusend guldin aines yeden jars, so lang bis obangezögt summa, achtmal hundert tusend guldin bezalt und abgelöst ist. Daneben söllent die prelaten, stift, clöster und obbestimpt ämpter jedes jars geben, als vil by denselben allen erlangt werden mag. Und was also von den prelaten und ämptern jarlichs gefellt, das soll in die achtmal hundert tusent gnldin gerechnet und daran abgezogen, also was zu yeder zyt jars von solicher somm achtmal hundert tusent guldin der verschribnen gilten obbestimt abgelöst werden, dieselben söllent in hertzog Ulrichs seckel alltzyt gefallen. Und zu empfahung sölicher järlichen raychung, als nemlich der ersten fünf jaren, auch nachfolgender landsteur der achtmal hundert tusent guldin söllent sonder personen, so vormals mit ämptern ynnemens und usgebens nit beladen sind, von hertzog Ulrichen und der landschaft mit verpflichtung geordnet werden, solicher raychung der ersten fünf jare fürter zu den wachenden schulde und bezalung der gilten und nachmals die landsteuer zu ablosung der zins und gilten, damit das fürstenthumb beswert ist, und nit anders wahin trewlich zu wenden und zu keren und dernhalb alle jar gemeltem hertzog Ulrichen und der landschaft ufrichtlich redlich rechnung zu tund. Und hieruf soll hertzog Ulrich us sondern gnaden, die er zu siner landschaft tregt, den landschaden, so bisher im gebruch gewesen, yetzo abthun und nachlassen, also das der hinfüro nit mer hegert werden oder sein soll. Doch das dise nachlassung des landschadens und die bezalung der ersten zway und zwaintzig tusend guldin ains mit dem andern zugeen und beschehen.

Beim "Landschaden" handelte es sich um eine außerordentliche Steuer, die sich sehr drückend auswirkte, weil Steuergrund und Steuerhöhe der Ermessensfreiheit des Herzogs überlassen waren.

Der houptkrieg halben, so die zu rettung land, leut und siner herzog Ulrichs verwandten, zu handhabung siner ober- und herlicheit, ouch gerechtigkait, hilf und haltung siner aynung bisher angenomen und beschlossen, und der ihenen, so er fürter seins gefallens dem fürstenthumb zu gut annemen und thun mag, fürgenomen wölten werden, so soll das geschehen mit rat und wissen gemeiner landschaft. Würde aber hertzog Ulrich usserhalb der obgemelten stück ainich krieg fürnemen und yemand us freundschaft oder sunst fürschub oder hilf thun, so soll dasselbig geschehen mit rat, wissen und willen gemainer landschaft, sover anders hertzog Ulrich von inen hilf haben wölt. Und sol in allen stücken hertzog Ulrich wie sine voreltern die liferung geben, desglychen die landschaft mit iren lyben, fürung und anderm dienen, wie von alter herkomen und by hertzog Ulrichs voreltern ouch geschehen ist, alles ungevarlich.

Und ob ain landskrieg obgemelter mass angenomen und man hilf darzu thun müste, das dann dieselbig zyt dise yetzige angenomne hilf ainen stillstand haben soll, doch unabbrüchlich disem zusagen bis zu end der kriegshilf.  Dergestalt soll es ouch gehalten werden, wa ein regierender fürst, das got verhüt, gefangen würde, und soll die landschafft alsdann zu erledigung irs regierenden landsfürsten treuwlich helfen und soliche hilf mit irem rat und wissen fürgenotnen werden, wie dann by hertzog Ulrichs voreltern geschehen ist.

Damit ouch der gemain man den last so viel lydenlicher und williger tragen, so soll inen hertzog Ulrich ainen fryen zug gnediglich vergönden und zulassen, doch also das in den nesten fünf ,jaren niemands von der landschaft us dem land ziehen. Wöllt aber ,jemands in sölcher zyte sine kind us solichen verhyraten, der soll des macht haben mit abzug des zehenden pfennings aller hab, die das usgestürt kind hinus nimpt und solicher abzug des zehenden pfennings soll hertzog Ulrichen in den fünf jaren in sinen seekel gefallen. Wölicher aber nach usgang sölicher fünf jaren in den andern nestfolgenden fünf jaren hinus ziehen oder sine kind hinus hyraten wölt, der soll das zu thun macht haben mit abzug des zehenden pfennings, wie obsteet. Wölicher aber nach usgang yetz gemelter zehen jar in nestfolgenden zehen jaren hinus ziehen wölt, der soll den zwaintzigsten pfenning zu abzug geben, und fürous wer nach den zwainzig jaren hinus zühet, der soll für den abzug zu geben nichtz schuldig, sonnder alsdann fry sein. Und was also nach verschynung der ersten fünf jaren von abzug gefallet, soll der landschaft zu hilf der zway und zwaintzig tusend guldin zufallen und komen.

Und hieruf söllent land, leut, schloss, stett und dörfer one rat, wissen und willen gemainer landschaft nit mer versetzt oder verendert, aber doch ob sich erschainten eehefig not und ursachen, söllent in sölicher bewilligung ouch betracht und angesenhen werden, ouch gemaine landschaft nit schuldig sein sich fürter mer als mitschuldner zu verschryben und zu besiglen. Derglychen soll ouch ainich schatzung oder sunst ander unordenlich hilf oder beschwerde, wie die namen haben mügen, fürter uf prelaten oder landschaft nit mer gelegt werden. Wie aber die töchtern von Wirtemberg usgestürt und was inen in erbfals wyse zusteen, soll sich hertzog Ulrich mit siner landschaft deshalb underreden und veraynigen.

Es soll ouch niemands in pynlichen sachen, wa es eer, lyb oder leben antrifft, anders dann mit urtail und recht gestraft oder getötet, sonder ainem yeden nach sinem verschulden rechts gestattet werden, es were dann in fellen, darin die kayserlichen recht anders zu thond zulassen, und mit gefengnus und frag soll es, wie von alter herkomen ist, gehalten werden. Damit aber hertzog Ulrich von Wirttemberg by land und leuten und herwiderumb land und leut by sinen fürstlichen gnaden in fryden und gehorsami, ouch ain yeder biderman by hüslichen eeren, wyb und kinden, ouch hy recht und gerechtigkait belyben, desglychcn sein fürstlich gnad und die erberkait sieh vor ungehorsami, schmach und niderdruckung der ungehorsamen und böfels ufenthalten mögen, so haben genannter hertzog Ulrich, ouch getnaine landschaft, der nachfolgenden satzung sich miteinander beratenlich veraint und entschlossen. Ob sich begebe fürohin, das jemands, wer der were, ainich uflöff und embörung machen oder fürnemen würde wider die herschafft, irer fürstlichen gnaden rät, amptleut, diener, prelaten, gaistlichait, burgermaister, gericht, rat oder sunst wider die erberkait, die niderzudrücken, desglychen wölicher in ainem feldleger oder in besatzungen den houptleuten ainich frevelich ungehorsami erzögten, onch ob yemands ain geboten oder glopten friden frevelich brechen würden, an wölichem deren jetweder übeltat erfunden und usgefürt oder solichs offenlich am tag lege, der soll sein lyb und leben verwirckt haben und ime daruf sein verschulte straf ufgelegt und an ihm vollstreckt werden, es sy mit viertaylen, radbrechen, ertrencken, enthoupten, mit dem strick richten, die hend abhowen und derglychen, wie sich das alles nach grössen und gelegenhait der übeltat zu thund gebürt. Hieruf so söllent zusampt der erbhuldung alle amptleut, gericht, rat, und gantz gemainden mit sampt allen dienstknechten lyplich ayde zu got und den hailigen schweren in dem, als oblut, ainander getreuwen hilf und bystand zu ton und nit zu verlassen, sonder sölich ubelteter und böfel als niderdrücker der gerechtigkait und erberkait, so die notdurft und gegenwere das erfordert, niderzuschlahen und zu demmen oder fenglich anzunemen und der oberkait mit guter gewarsami zu überantwurten, darin ain yeder dem andern, sobald er des gewar oder erfordert wirdet, trostlich zutreten, damit also die frommen und erbern sich by dem iren, ouch by friden und gerechtigkait, behalten und vor dem böfel plyben mügen. Zu diser trostlichen und notdürftigen erbern handlungen gibt hertzog Ulrich yetzo und allweg befelh und gwalt, hierin also mögen fürgeen und volstreckung thun, wie sein fürstlich gnad des in kraft siner empfangen regalien und fürstlichen oberkait zu thun gwalt und macht hat. Darzu ouch sein fürstlich gnad gnedig trostlich und getreuw hilf und bystand allezyt thun und darin die erberkait nit verlassen will. Wa ouch yemand, vor und ee solich uflöuf, embörung und ungehorsami sich offenlich erzögte, erfaren oder gewar würde ainichen argwon, anschlag, zusamenschlupfung oder rottieren, es sy mit worten oder wercken, das zu solichem bösen fürnemen dienen mag, das soll ain jeder by obgemeltem sinem geswornen aide von stund an dem, so also etwas zu ungutem widerfaren sollt, ouch der oberkait, es sy tag oder nacht, fürbringen und ain getreuwe warnung thun, die das einem jeden biderman gebürt und zu thund schuldig ist. In welchen hüsern und wonungen man ouch erfindet, das wissentlich darin solich bös fürnemen geratschlagt, davon anschleg gemacht und abgeredt sint, in oder us desselben behusung zu thun, soliche häuser und wonung söllent abgebrochen oder verprennt und uf dieselbig hofstatt zu öwiger gedechtnus nymer mer gebuwen, ouch zu des manns erlitten straf, als oblut, sein wyb und kinden des fürstenthumbs verwysen werden. Und ob in vergangen handlungen jemand zu dem andern einigen verspruch, glübd, aide oder zusagen geton hetten, ainander hilf ztt thun und nit zu verlassen, das alles soll hiemit toud, ab, kraftlous, unbindig, gantz ufgehept und kain tail dem andern darin nichtzit verbunden sein, aber fürohin sollent derglychen verpundnussen by obgemelten geswornen ayde nymer mer geschehen, by vermydung der straf hie oben geschriben.

Und ob hertzog Ulrich und sein bruder on manlich eeliche lybserben mit toud abgieng, so soll alsdann die obgemelt hilf toud und ab sein, aber nit destweniger die obbestimpten fryhaiten in allweg beständig sein und plyben, doch das die schulden und gilten uf dem fürstenthumb steen, ouch die, so hertzog Ulrich und des bruder hinter inen verlassen würden, vor allen dingen von den gefellen und nutzungen des fürstenthumbs usgericht und bezalt werden.

Und sollent die obangezögt fryhait von hertzog Ulrichen und darnach für und für von aller herschaft allweg in anfang irs regimentz zu halten, des ir brief und sigel, darinnen sie sich by iren fürstlichen wirden im wort der wahrheit dieselben fryhait zu halten verpflichten sollen, gemainer landschaft übergeben werden und davor sie ynzulassen oder inen gehorsami zu laisten nit schuldig sein. Dagegen söllen gemaine landschaft gemeltem hertzog Ulrichen, sin erben und nachkhomen regierenden globen und schweren, wie inen fürgehalten wirdet von worten zu worten also lutende: Ihr werdent schweren aide zu got und den hailigen, unserm gnedigen fürsten und herren, siner fürstlichen gnaden erben und nachkommen des herzogthumbs zu Wirtemberg trew und hold zu sind, siner gnaden, dero räten und verordneten amptleuten geboten und verboten von siner gnaden wegen gehorsam und gewertig zu sein, sinen fürstlichen gnaden fromen und nutz zu schaffen, dero schaden zu warnen und zu wenden nach uwerm besten vermügen, euch erzögen und halten, wie from gehorsam underthan sich gegen ir naturlichen herschaft erzögen und halten sol, ouch üch, uwer lyb und gut, wyb und kind, so lybaigen sind, nit zu verendern on bemelts unsers gnedigen fürsten und hern oder siner fürstlichen amptleut wissen und erloben, alles nach vermüg der gegeben fryhait, darzu sein fürstlichen gnaden und deren erben hertzogen zu Wirttemberg und iren nachkomen die hilf zu thun und zu geben, ouch die handhabung der gehorsami und oberkait sein fürstlichen gnaden zugesagt und verschrieben, wie hievor in dem artickel die straf der pinlichen sachen betreffent aigentlich anzögt, usdruckt und begrifen stet, treuwlichen zu volziehen und zu halten, wie sich nach inhalt sölicher verschrybung, ouch der vertrege zwischend unser gnedigen herschaft und gemainer landschaft ufgericht und gemacht zu thund gebürt, alles erberlich, trewlich und ungevarlich. Ouch wo hie oben hertzog Ulrich benennt, söllent sin erben als fürsten zu Wirtemberg, derglych wo die landschaft benennt werden, alle ire nachkommen hiemit gemaint, verstanden und allem dem so hierin geschriben stet folg zu thun verpflicht, ouch uf solichs alle und yede gebrechen, ouch darus folgend ungnad, widerwertigkait und strafe, was derselben zwischent bemelten tailen bisher empfangen, geschenhen und sich darunder begeben und verloffen haben in gemain und sonderhait, hiemit gentzlich ufgehept und nachgelassen sein und plyben, alles getreuwlich und ungevärlich. Und söllent hieruf hertzog Ulrich und gemaine landschaft römisch kayserlich majestat unsern allergnedigsten hern sollicher aller obgeschribner vertreg und fryhaiten gnugsam berichten und ir majestat daruf in undertenigkait bitten gnediglich zu confirmiern und bestetigen.

Das alles zu warem urkund haben wir dises unsers gütlichen vertrags und spruchs zwen briefe glychs luts ufrichten, mit unsern Cristofeln hern zu Limpburg als kayserlicher majestat mitgesandter rate, Wilhalm bischof zu Strassburg, Hugen bischofen zu Costantzs, Schenck Valentin herr zu Erbach, Pettern von Ufsess thombhern, Plyckhern Landtschaden anhangenden insigeln, mangelshalp diser zyt unser andern insigeln, jedem tail deren ainen ubergeben lassen zu Tüwingen uf sampstag sankt Kylian des hailigen bischofs und marterers tag nach der geburt Cristi unsers lieben herren im fünfzehen hundertsten und vierzehenden jaren.

(es folgen sechs Unterschriften mit Siegeln)

Erste Spuren ständischer Mitwirkung in Württemberg zeigten sich bereits in dem Friedensvertrage zwischen Graf Eberhards des Erlauchten mit der Freien Reichsstadt Esslingen vom 20. Dezember 1316, wobei je 10 Bürger der Landschaft von 8 württembergischen Städten abgesandt wurden. Die Landschaft wurde auch bei den verschiedenen Familienverträgen zwischen den Linien des Hauses Württemberg aufrechterhalten, so im Nürnberger Vertrag vom 3. Dezember 1361, im Uracher Vertrag vom 12. Juli 1473, im Münsinger Vertrag von 14. Dezember 1482, im Stuttgarter Vertrag vom 22. April 1485, im Frankfurter Entscheid vom 30. Juli 1489 und im Eßlinger Vertrag vom 2. September 1492.

Im Münsinger Vertrag vom 14. Dezember 1482 war erstmals die Unteilbarkeit des Landes familienrechtlich vereinbart und das Seniorat (also die Thronfolgeordnung, dass immer der älteste Agnat, aus welcher Linie er auch immer stammen möge, die Regierung antritt) eingeführt; damals war Württemberg unter den Linien Urach und Stuttgart geteilt. Als jedoch Graf Eberhard im Barte, seit 1459 die Uracher Landeshälfte regierender Graf, für seine Verdienste um die Errichtung des Schwäbischen Bundes am 21. Juli 1495 von Kaiser Maximilian zum Herzog von Württemberg erhoben wurde, war damit auch die Primogenitur (also die Thronfolgeordnung, daß immer der älteste Sohn des Herzogs die Regierung antritt) in Württemberg eingeführt. Mit dem Tode Herzog Eberhards endete die letzte Landesteilung und seither wurde Württemberg von einem Landesherren ungeteilt regiert.

Im vorstehenden Vertrag wurden die Streitigkeiten zwischen dem Herzog Ulrich und der Landschaft unter Mitwirkung von Delegierten des Kaisers und einer Anzahl von Fürsten und Bischöfen zum Ende gebracht und die Entwicklung der ständischen Verfassung in Württemberg damit abgeschlossen. Bis 1805 wurde auf unveränderter Grundlage insbesondere des Tübinger Vertrags das Herzogtum regiert. Auch der Erbvergleich vom 2. März 1770, durch welchen die Streitigkeiten zwischen Herzog Karl und den Ständen unter Vermittlung einer reichshofrätlichen Kommission beendet wurden, hatte nicht die Bedeutung einer Revision des Verfassungszustandes selbst, sondern war gedacht als Beseitigung von Beschwerden und einer Sicherung des bestehenden Rechts, welche dadurch verstärkt wurde, daß Friedrich der Große von Preußen in Verbindung mit den Königen von Großbritannien und von Dänemark auf Anrufen der württembergischen Stände im Jahr 1771 für sich und ihre Nachfolger die Garantie für die Aufrechterhaltung dieses letzten altwürttembergischen Verfassungsvertrags übernahmen.

Die ständische Verfassung Württembergs von 1514 bis 1805 war von privatrechtlichen Anschauungen beherrscht. Die Stände als die Gesamtheit der Korporationen des Landes und der Herzog als der Besitzer des mit den Aufwand für die Landesregierung belasteten Familienfideikommisses (Kammerguts) standen einander in dem Verhältnis von Parteien gegenüber, deren gegenseitige Beziehungen durch Vertrag geregelt waren. Die Regierung war Sache des Regenten, dem auch das Recht der Gesetzgebung zustand. Wie er die Kosten der Regierung aus dem Kammergut deckte, war seine Sache, ein direktes Besteuerungsrecht stand ihm nicht zu. Die Stände übten, als Ausfluß der korporativen Selbstverwaltung, ein Selbstbesteuerungsrecht aus zum Zwecke der sogenannten Ablösungshilfe, d. h. der Übernahme und Tilgung der herzoglichen Schulden. Ob die Stände dem Herzog eine solche Hilfen gewähren wollten, hing von ihrem freien Willen ab, wie ihnen andererseits auch kein Recht der Finanzkontrolle gegenüber der herzoglichen Verwaltung zustand. Die Landschaftskasse war die Staatsschuldenkasse, in welche die von den Amtskorporationen aufgebrachten Steuern flossen, und welche von der Landschaft, bzw. dem Ausschuß verwaltet wurde. Die ständische Hilfe bestand hiernach in der Übernahme von Kammerschulden auf die Landeskasse oder in der Bewilligung von Beiträgen aus dieser Kasse.

Die Ausschließlichkeit der evangelischen Konfession und die damit zusammenhängende Identität der kirchlichen und staatlichen Verfassung hatte die Folge, daß die Stände in ihrer Eigenschaft als Wächter der staatlichen zugleich die Garanten der kirchlichen Verfassung waren, wie der Herzog mit den Rechten der Landeshoheit die Rechte des Landesbischofs verband.

Gemäß dem Vertragsverhältnis, welches seit dem Tübinger Vertrag zwischen Fürst und Land bestand, sollte die Erbhuldigung seitens der Untertanen erst geleistet werden, nachdem der Fürst zuvor des Landes Grundgesetze und Rechte beschworen hatte. Als verfassungsmäßiges Grundrecht galt, daß jeder Württemberger, selbst der Leibeigene ohne Abzug oder Nachsteuer und, ohne einer Erlaubnis zu bedürfen, auswandern konnte, daß jeder Württemberger nur durch den ordentlichen Richter verurteilt und nur in den gesetzlich bestimmten Fällen in Haft genommen werden durfte, nur die verfassungsmäßig mit den Ständen verabschiedeten Steuern zu bezahlen hatte und nur in Kriegs- und anderen Notfällen militärpflichtig war und auch dann nur mit Bewilligung der Stände und bloß für die Dauer des Kriegs. Das stehende Heer konnte daher im Frieden nur durch freiwillige Werbung ergänzt werden. Dagegen hatte jeder Württemberger das Recht, Wehr und Waffen zu besitzen.

Zwischen den beiden Parteien, dem Herzog und der Landschaft stand als vermittelndes Zwischenglied die Bürokratie, welche in ihrer Unterordnung unter den Geheimen Rat eine verfassungsmäßig geschützte Selbständigkeit besaß. Der Geheime Rat insbesondere war zwischen beide Parteien eingeschoben, als ein beiden Teilen gleichverpflichtetes, zur Wahrung der Verfassung bestimmtes Organ. Tatsächlich nahm er die Stellung eines modernen Ministeriums ein. Er war das nicht zu umgehende Organ der Regierung und gehörte zu den Garantien der Verfassung; seine Stellung wurde noch erhöht, als mit der Sukzession katholischer Herzoge auf Grund der sog. Religionsreversalien die Episkopalrechte der Landesherrn auf ihn übertragen wurden und der Geheime Rat damit zum Wahrer der verfassungsmäßigen evangelischen Landesreligion wurde.

Im engsten Zusammenhang mit der privatrechtlichen Natur der ständischen Rechte und der Anwendung der reinen Grundsätze des Mandats auf die Vertretung der Korporationen in der Landschaft stand die Stellung des ständischen Ausschusses, als eines sich selbst ergänzenden Stellvertreters der Landschaft, welcher - in einen kleinen (bestehend aus zwei Prälaten und sechs von der Landschaft, darunter je ein Vertreter von Stuttgart und von Tübingen) und einen großen Ausschuß (Mitglieder des kleinen Ausschusses und zwei weiteren Prälaten und sechs weiteren von der Landschaft) sich abteilend - im Laufe der Zeit mehr und mehr die Tätigkeit der Landschaft selbst, welche Jahrzehnte lang nicht berufen wurde, verdrängte, und durch die Macht, welche die teilweise unkontrollierte Verwaltung der ständischen Kassen in seine Hand legte, eine Nebenregierung bildete, die im Laufe der Zeiten eine Quelle vielfacher Mißbräuche wurde.

Am 30. Dezember 1805 eignete sich Kurfürst (König) Friedrich die ständischen Kassen und das Archiv der Stände gewaltsam an; am 31. Dezember 1805 wurden die Städte und Ämter zur bedingungslosen Unterordnung unter die Organe der Regierung und zur Ablieferung der Steuern, an diese angewiesen. Damit endete die ständische Verfassung Württembergs und es begann die 14jährige absolute Herrschaft der Könige von Württemberg.
 


Quelle: Nach dem Original im Ständischen Archiv zu Stuttgart
Reyschel II, 40
Eugen Schneider, Ausgewählte Urkunden zur Württembergischen Geschichte, Kohlhammer Stuttgart 1911
Günter Düring, Gesetze des Landes Baden-Württemberg, Beck Verlag München
Göz, Das Staatsrecht des Königreichs Württemberg, Verlag J.C.B. Mohr Tübingen 1908

© 6. August 2004
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