Erklärung des Wiener Congresses

vom 20. März 1815

über die Angelegenheiten der Schweiz

Die Mächte, welche berufen sind, zur Erfüllung des sechsten Artikels des Pariser Vertrags vom 30. Mai 1814, durch ihre Dazwischenkunft die Verhältnisse der Schweiz festsetzen zu helfen, überzeugt, daß das allgemeine Staateninteresse zu Gunsten der schweizerischen Eidsgenossenschaft die Anerkennung einer immerwährenden Neutralität erheischt, und gesinnt, durch Rückerstattungen und Überlassungen von Landesgebiet, ihr die, für die Sicherstellung ihrer Unabhängigkeit, und für die Handhabung ihrer Neutralität erforderlichen Mittel darzureichen, -

Nachdem sie über die Interessen der verschiedenen Cantone alle erforderlichen Erkundigungen gesammelt, und die ihnen durch die schweizerische Gesandtschaft vorgetragenen Begehren in Betracht gezogen haben, -

erklären:

Daß, sobald die schweizerische Tagsatzung zu den in dem gegenwärtigen Vergleich festgesetzten Bedingungen ihre Zustimmung in guter und gehöriger Form wird ertheilt haben, eine Urkunde ausgefertigt werden soll, welche von Seiten aller Mächte die Anerkennung und Gewährleistung der immerwährenden Neutralität der Schweiz innerhalb ihrer neuen Grenzen enthalten, und einen Bestandtheil derjenigen Urkunde bilden wird, die in Vollziehung des 32. Artikels des obgenannten Pariser Friedesschlusses vom 30. Mai die Anordnungen dieses Vertrages vervollständigen soll.

Vergleich

1. Der unverletzte Bestand der neunzehn Cantone, wie sich dieselben im Zeitpunct der Übereinkünfte vom 29. Christmonat 1813 als Staatskörper befanden, wird als die Grundlage des schweizerischen Bundessystems anerkannt.

2. Das Wallis, das Gebiet von Genf, das Fürstentum Neuenburg, sind der Schweiz einverleibt, und werden drei neue Cantone bilden; das vormals zum Canton Waadt gehörige Dappenthal wird demselben zurückgegeben.

siehe in Bezug auf das Dappental den französisch-schweizerischen Vertrag vom 8. Dezember 1862 (BBl. 1862 III 551), mit dem die Besitzverhältnisse des  hier genannte Dappenthal endgültig geregelt wurden.

3. Auf den von der Eidsgenossenschaft geäußerten Wunsch für die Einverleibung des Bisthums Basel, und in der Absicht, das Schicksal dieses Landes endlich festzusetzen, erklären die Mächte, es soll das genannte Bisthum und die Stadt Biel mit ihrem Gebietsumfang künftighin ein Bestandtheil des Cantons Bern sein.

Hiervon ausgenommen sind nur folgende Bezirke:
1) Ein Bezirk von beiläufig drei Quadratmeilen Umfang, der die Gemeinden Allschweiler, Schönbuch, Oberweiler, Terweiler, Ettingen, Fürstenstein, Platten, Pfeffingen, Aesch, Bruck, Reinach, Arlesheim, in sich begreift, welcher Bezirk dem Canton Basel einverleibt werden soll.
2) Ein kleines Stück eingeschlossenen Landes zunächst bei dem neuenburgischen Dorfe Lignieres gelegen, und das gegenwärtig für Civilsachen unter Neuenburg, für Criminalfälle aber unter bischöflich-baselscher Gerichtsbarkeit steht, soll der Landeshoheit des Fürstenthums Neuenburg vollständig angehören.

4. 1) Die mit den Cantonen Bern und Basel vereinten Einwohner des Bisthums Basel, so wie jene von Biel, sind in jeder Hinsicht ohne Unterschied der Religion (die in ihrem gegenwärtigen Zustand verbleibt), der nämlichen bürgerlichen und politischen Rechte theilhaft, deren die Einwohner der alten Bestandtheile der genannten Cantone genießen, und werden genießen können. Sie haben demnach mit ihnen gleiche Ansprüche auf Repräsentanz und andere Stellen nach Inhalt der Cantonsverfassungen. Der Stadt Biel und den Dorfschaften, die ihren Gerichtsbann bildeten, sollen diejenigen Municipalgerechtsame, welche mit der Verfassung und den allgemeinen Staatseinrichtungen des Cantons Bern vereinbar sind, beibehalten werden.
2) Die Verkäufe der Nationaldomänen bleibt anerkannt, und die Feodalrenten und Zehnten können nicht wieder hergestellt werden.
3) Die beiderseitigen Vereinigungsurkunden sollen, in Gemäßheit der oben ausgesprochenen Grundsätze, durch Commissionen errichtet werden, die aus einer gleichen Zahl Abgeordneter jedes betreffenden Theils gebildeten sind. Die Abgeordneten des Bisthums Basel sollen durch den Directorialcanton aus den angesehensten Bürgern des Landes gewählt werden.
Die schweizerische Eidsgenossenschaft wird diese Urkunden gewährleisten. Alle Puncte, worüber beide Theile sich nicht verständigen können, werden durch einen Schiedsrichter, den die Tagsatzung ernennt, entschieden.
4) Die ordentlichen Landeseinkünfte sollen für Rechnung der bestehenden Verwaltung, bis auf die Zeit des Beitritts der Tagsatzung zum gegenwärtigen Vergleiche, bezogen werden. Ein Gleiches soll in Bezug auf die Rückstände der benannten Einkünfte geschehen; die außerordentlich erhobenen, aber noch nicht eingegangenen, sollen nicht weiter bezogen werden.
5) Weil der gewesene Fürstbischoff von Basel keine Entschädigung oder Jahrgehalt für denjenigen Theil des Bisthums erhalten hat, welcher vormals zur Schweiz gehörte, indem der teutsche Reichsabschied vom Jahrr 1803 nur mit Hinsicht auf die dem Reiche zugehörigen Länder Verfügungen traf; so übernehmen die Cantone Bern und Basel, ihm , zur Vermehrung seines lebenslänglichen Jahrgehaltes, die Summe von zwölftausend Reichsgulden, vom Zeitpunct der Vereinigung des Bisthums Basel mit den Cantonen Bern und Basel an gerechnet, zu bezahlen. Der fünfte Theil dieser Summe soll für den Unterhalt der Domherren der vormaligen Stiftskirche von Basel bestimmt und verwendet werden, in Vervollständigung des durch den erwähnten teutschen Reichsabschied ihnen ausgemittelten Jahresgehalts.
6) Die schweizerischeTagsatzung wird entscheiden, ob es erforderlich sey, ein Bisthum in diesem Theile der Schweiz beizubehalten, oder ob dieses Bisthum mit demjenigen könne vereinigt werden, das in Folge neuer Verfügungen, aus den bis dahin zum Bisthum Konstanz gehörigen schweizerischen Gebietstheilen soll gebildet werden.
    Im Fall, das Bisthum Basel sollte beibehalten werden, wird der Canton Bern, in dem Verhältniß der übrigen Landschaften, welche künftig unter der geistlichen Verwaltung des Bischoffs stehen, die erforderlichen Summen für den Unterhalt dieses Prälaten, seines Domstiftes und Seminariums liefern.

hinsichtlich des Gebiets des Bistums Basel wurde auf dem größten Teil desselben (ohne deren früheren Zugewandten Orte Biel und Moutier mit dem 1. Januar 1979 der Kanton Jura geschaffen (Bundesbeschluss vom 9. März 1978, BBl. 1978 I 675, mit Übergangsrecht). Allein der deutschsprachige bernische Amtsbezirk Lauffen (zwischen Basel-Landschaft, Solothurn und dem Jura) blieb als Exklave beim Kanton Bern, bis er am 1. Januar 1994 dem Kanton Basel-Landschaft angeschlossen wurde (Bundesbeschluss vom 18. Juni 1993, BBl. 1993 II 874). Das Gebiet des Kantons Jura wurde durch Bundesbeschluss vom 21. Dezember 1995 (BBl. 1996 I 228) mit Wirkung vom 1. Juli 1996 um die bisher bernische Gemeinde Vellerat erweitert.

5. Um die Handels- und Militairverbindung Genfs mit dem Canton Waadt und der übrigen Schweiz zu sichern, und um in dieser Hinsicht den vierten Artikel des Pariser Vertrags zu vervollständigen, willigen Seine Allerchristlicheste Majestät ein, der Douanenlinie eine solche Richtung zu geben, daß die von Genf über Versoy nach der Schweiz führende Straße jederzeit frei bleibe, und daß daselbst weder Posten noch Reisende, noch Waarensendungen, mit irgend einer Douanenuntersuchung belästigt, oder irgend einer Gebühr unterworfen werden.

Gleichmäßig bleibt einverstanden, daß daselbst der Durchmarsch der Schweizertruppen keinerlei Hinderniß leiden darf.

In den nachträglichen Anordnungen, die über diesen Gegenstand zu treffen sind, soll die Vollziehung der Verträge, welche die freie Verbindung zwischen der Stadt Genf und dem Mandement von Peney betreffen, auf die den Genfern günstigste Weise gesichert werden. Seine Allerchristlichste Majestät willigen weiterhin ein, daß die Gendarmen und Milizen des Cantons Genf, auf der Landstraße von Meyrin, aus besagtem Mandement nach der Stadt Genf und umgekehrt, auf geschehene vorläufige Anzeige beim nächsten Militairposten der französischen Gendarmerie, ihren Weg nehmen.

Die dazwischenkommenden Mächte werden darüber hin ihre gute Verwendung eintreten lassen, um für die Stadt Genf, gegen Savoyen hin, eine angemessene Gebietserweiterung zu erhalten.

siehe hierzu auch die nachträgliche Verfügung zum fünften Artikel der Erklärung des Wiener Congresses, den Kanton Genf betreffend, vom 29. März 1815.

"Seine Allerchristlichste Majestät" war der, auch völkerrechtlich verwendete Titel der Könige von Frankreich von 1469 bis 1789/92 und 1814/15 bis 1830 (vom Papst verliehener Titel); dieser Punkt 5 betraf  die dann erfolgte Abtretung von Teilen französischen Staatsgebiets, so dass alle Teile Genfs von vor 1798, die vollständig von französischem Gebiet umschlossen waren, mit dem Stadtgebiet verbunden waren und keine Ex- und Enklaven mehr bestanden. Außerdem wurde aufgrund dieser Bestimmung durch Vertrag vom 20. November 1815 der Nordteil des, zum Königreich Sardinien gehörigen Herzogtum Savoyen neutralisiert und ein Durchzugsrecht von Genf in das Wallis für schweizer Truppen gestattet (1920 durch den Versailler Vertrag, Art. 435, aufgehoben).

6. Zu Festsetzung gegenseitiger Entschädnisse werden die Cantone Aargau, Waadt, Tessin und St. Gallen den alten Cantonen Schwyz, Unterwalden, Uri, Glarus, Zug und Appenzell (Inner-Rhoden) eine Summe bezahlen, die zum Behuf öffentlicher Unterrichtsanstalten und zur Bestreitung der Kosten der Landesverwaltung (jedoch vorzüglich für den ersten Gegenstand) in den genannten Cantonen verwendet werden soll. Der Betrag , die Zahlungsweise und die Vertheilung dieser Geldentschädigung werden auf nachstehende Weise bestimmt:
1) Die Cantone Aargau, Waadt und St. Gallen bezahlen den Cantonen Schwyz, Unterwalden, Uri, Zug, Glarus und Appenzell (Inner-Rhoden) ein Capital von fünfmalhunderttausend Schweizerfranken.
2) Jeder der erstern wird die Zinse seines betreffenden Antheils jährlich zu 5 vom 100 entrichten, oder das Capital entweder in Baarschaft oder in Grundstücken, nach seiner Wahl zurückzuzahlen.
3) Die Vertheilung sowohl für die Zahlung als für den Empfang dieser Gelder soll nach den Verhältnissen der für die Bestreitung der Bundesausgaben festgesetzten Beitragsscala getroffen werden.
4) Der Canton Tessin wird dem Canton Uri alljährlich die Hälfte des Ertrags der Zölle im Livinerthal bezahlen.
    Eine durch die Tagsatzung ernannte Commission wird über die Vollziehung der vorstehenden Verfügungen wachen.

7. Zu Beendigung der sich, in Bezug auf die von den Cantonen Zürich und Bern in England angelegten Gelder, erhobenen Discussionen wird verordnet:
1) Die Cantone Bern und Zürich bleiben in dem Besitz der Capitalsummen, wie solche im Jahr 1803 zur Zeit der Auflösung der helvetischen Regierung bestanden, und sie genießen, vom 1. Januar 1815 an, die davon verfallenden Zinse.
2) Die seit dem Jahr 1798 bis und mit dem Jahr 1814 verfallenen und angehäuften Zinse sollen zur Bezahlung des noch übrigen Theils von dem Capital der, unter dem Namen der helvetischen Schuld bekannten, Nationalschuld verwendet werden.
3) Der Mehrbetrag der helvetischen Schuld soll von den übrigen Cantonen getragen werden, zumal Bern und Zürich durch die vorstehende Verfügung davon entlastet sind. Der Antheil jedes einzelnen der zur Übernahme dieses Mehrbetrags verpflichtetn Cantone wird im Verhältniß der zum Behuf der Bundesausgaben bestimmten Beiträge berechnet und bezahlt. Die seit 1813 der Schweiz einverleibten Landschaften können zu keinem Beitrage in Betreff der ehemaligen helvetischen Schuld angehalten werden.
    Im Fall daß nach Bezahlung der obbenannten Schuld sich ein Überschuß der Zinse ergeben würde, soll derselbe zwischen den Cantonen Bern und Zürich, in dem Verhältniß ihrer beiderseitigen Capitalien, vertheilt werden.
4) Die gleichen Verfügungen sollen auch auf einige andere Schuldforderungen angewandt werden, deren Titel unter der Obhut des Präsidenten der Tagsatzung verwahrt liegen.

8. Die dazwischenkommenden Mächte, in der Absicht, die Zerwürfnisse auszugleichen, welche sich in Hinsicht auf die ohne Entschädigung aufgehobenen Löbregerechtsamen (Laudemien (=Abgabe an den Lehnsherr)) erhoben haben, verordnen:
es soll den Privaten, welche Eigenthümer von Laudemien sind, eine Entschädigung bezahlt werden.

Um alle weitere Anstände zwischen den Cantonen Bern und Waadt zu verhüten, wird dieser letztere der Regierung von Bern die Summe von dreimalhunderttausend Schweizerfranken bezahlen, um diese hernach unter die Bernischen Angehörigen, welche Laudemienbesitzer sind, zu vertheilen.

Die Zahlungen sollen zum fünften Theile jährlich, vom 1. Januar 1816 an gerechnet, geschehen.

9. Die dazwischenkommenden Mächte, anerkennend, daß die Gerechtigkeit erheische, den Fürstabt von St. Gallen ein ehrenvolles und unabhängiges Daseyn zu sichern, verordnen: der Canton St. Gallen wird ihm einen lebenslänglichen Jahrgehalt von sechstausend Reichsgulden, und seinen Beamten einen lebenslänglichen Jahrgehalt von zweitausend Reichsgulden bezahlen. Diese Jahrgehalte sollen, vom 1. Jänner 1815 an gerechnet, vierteljährlich dem Directorialcanton zugestellt werden, welcher dieselben nach obigen Verhältnissen an die Verfügung des Fürstabts von St. Gallen und seiner Beamteten wird auszahlen lassen.

 

Die Mächte, welche ihre Dazwischenkunft bei den Schweizerangelegenheiten eintreten lassen, geben durch die obenstehende Erklärung einen offenbaren Beweis ihres Verlangens, den innern Frieden des Bundesvereins sicher zu stellen.

Sie machen es sich hinwieder zur Pflicht, nichts zu unterlassen, was die Vollendung desselben befördern kann.

Sie stehen demnach in der Erwartung, es werden die Cantone dem Gemeinwohl jede untergeordnete Betrachtung zum Opfer bringen, und nicht länger zögern, dem durch die freien Beschlüsse der großen Mehrheit ihrer Mitstände zu Stande gekommenen Bundesvertrag beizupflichten, indem der gemeinsame Vortheil gebietend erheischt, daß alle Theile der Schweiz in möglichst kurzer Frist sich unter die nämliche Bundesverfassung vereinigen.

Die dem Bundesvertrag angehängte Übereinkunft vom 16. August 1814 kann diese Vereinigung nicht länger verzögern. Dadurch, daß ihr Zweck vermittelst der Erklärung der Mächte schon erreicht ist, soll dieselbe von selbst als nicht geschehen angesehen werden.

Um die Ruhe der Schweiz mehr und mehr zu befestigen, liegt es in dem Wunsch der Mächte, daß eine allgemeine Amnestie allen denjenigen ertheilt werde, welche durch einen Zeit von Ungewißheit und Spannung irre geführt, auf irgend eine Weise der bestehenden Ordnung zuwider handeln mochten. Dieser Act der Gnade, weit entfernt, das rechtmäßige Ansehen der Regierungen zu schwächen, jene heilsame Strenge gegen Jeden geltend machen, welcher künftig Unruhen im Landes anzustiften wagen würde.

Endlich wollen die dazwischen kommenden Mächte sich gern überzeugt halten, es werden die Vaterlandsliebe und die richtige Urtheilskraft der Schweizer ihnen beides, die Schicklichkeit und die Nothwenigkeit darzuthun, sich gegenseitig die Erinnerung der Zwiste, die unter ihnen walteten, zum Opfer zu bringen, und das Werk ihrer Reorganisation dadurch zu befestigen, daß sie an derselben Vervollkommnung, in einem der gemeinsamen Wohlfahrt Aller entsprechenden Geist, ohne Rückblick auf die Vergangenheit, arbeiten.

 

Die gegenwärtige Erklärung ward in das Protokoll des in Wien versammelten Congresses in der Sitzung vom 19. März 1815 eingerückt.

    Geschehen und als wahrhaft bezeugt durch die bevollmächtigten Gesandten der acht Mächte, die den Frieden von Paris unterzeichnen.

    Wien, den 20. März 1815

Österreich
Der Fürst von Metternich
Der Freiherr von Wessenberg

Spanien
S. Gomez Labrador.

Frankreich
Der Fürst von Talleyrand.
Der Herzog von Dalberg
Graf von Latour-du-Pin
Der Graf Alexis de Noailles

Großbritannien
Wellington.
Clancarty
Cathcart
Stewart

Portugall
Palmella
Saldanha
Lobo

Preußen
Der Fürst von Hardenberg
Der Baron von Humboldt

Rußland
Der Graf von Stackelberg
Der Graf von Rasumoffska
Der Graf von Nesselrode

Schweden
Der Graf von Löwenhiem.
Wellingten

Die vorstehende Erklärung war die völkerrechtliche Bestimmung über den Umfang der Eidgenossenschaft und deren völkerrechtliche Stellung als immerwährend neutraler Staat.

Vorstehende Bestimmungen sind als IV. Abschnitt (Art. 74 bis 84) in die Haupt- und Schlußakte des Wiener Kongresses vom 9. Juni 1815 (franz.) eingegangen, hierbei war
der Punkt 1 dieser Erklärung der Art. 74 der Schlußakte
der Punkt 2 dieser Erklärung der Art. 75 der Schlußakte
der Punkt 3 dieser Erklärung der Art. 76 der Schlußakte (andere Textfassung)
der Punkt 4 dieser Erklärung der Art. 77 der Schlußakte (unter Weglassung Ziffern 4 bis 6)
der Punkt 5 dieser Erklärung der  Art. 79 der Schlußakte (unter Weglassung des letzten Absatzes und in einer anderen Textfassung)
der Punkt 5 letzter Absatz dieser Erklärung der Art. 80 der Schlußakte (in einer anderen Textfassung; es wurden formale Abtretungen des Königs von Sardinien an den Kanton Genf bestimmt)
der Punkt 6 dieser Erklärung der Art. 81 der Schlußakte
der Punkt 7 dieser Erklärung der Art. 82 der Schlußakte
der Punkt 8 dieser Erklärung der Art. 83 der Schlußakte
die Artikel 78 und 84 der Schlußakte waren neu:
- der Artikel 78 betraf die Rückgabe der seit 1497 österreichischen Enklave innerhalb Graubündens, der Herrschaft Rhädüns, die 1809 im Frieden von Wien an Frankreich bzw. Italien abgetreten wurde und 1814 an Österreich zurück gelangte und 1815 dem Kanton Graubünden zugeschlagen wurde.
- der Artikel 84 bestätigte die vorstehende Erklärung in vollem Umfang.
Zusätzlich wurden hinsichtlich des Königreichs Sardinien unter den Artikeln 91 und 92 der Schlussakte des Wiener Kongresses vom 9. Juni 1815 Bestimmungen über die Abtretung einiger Gemeinden in Savoyen an den Kanton Genf sowie die Einbeziehung der Gebiete der Landschaften Chablais und Faucigny (Nord-Savoyen) in die Gewährleistung der Neutralität der Schweiz durch die Großmächte einbezogen.


Beitritt der Eidgenossenschaft

vom 27. Mai 1815

zu der Erklärung des Wiener Congresses

Die Tagsatzung der schweizerischen Eidsgenossenschaft,

zu Zürich außerordentlich versammelt -

Nachdem sie in ihrer Sitzung vom 3. April 1815 durch die Dazwischenkunft der bei der Eidsgenossenschaft beglaubigten Minister, nämlich

    des Herrn von Schraut, östreichischen Ministers, im Namen Seiner kaiserlich königlichen apostolischen Majestät, so wie auch in Kraft besonderer Vollmachten im Namen Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Regenten von Portugall;

    des Herrn Stratfort-Canning, im Namen Seiner Majestät des Königs der vereinigten Königreiche von Großbrittannien und Irland;

    des Herrn Grafen August von Talleyrand, im Namen Seiner allerchristlichsten Majestät des Königs von Frankreich, so wie auch in Kraft besonderer Vollmachten im Namen Seiner Majestät des Königs von Spanien und beider Indien;

    des Herrn Baron von Chambrier d'Oleyres, im Namen Seiner Majestät des Königs von Preußen;

    des Herrn Geschäftsträgers, Baron von Krüdener, im Namen Seiner Majestät des Kaisers von Rußland;

die auf die Angelegenheiten der Schweiz bezügliche Erklärung empfangen hatte, welche dem Protocoll des Congresses von Wien am 19. März 1815 eingerückt, und am 20. durch die Bevollmächtigten der acht Mächte unterzeichnet ward, welche den Pariser Vertrag vom 30. Mai 1814 geschlossen hatten -

beieilte sich, diese Verhandlungen den neunzehn verbündeten Ständen mitzutheilen, und dieselben einzuladen, durch ihre Zustimmung die Tagsatzung in den Fall zu setzen, den allgemeinen Beitritt der Schweiz zu den in dem erwähnten Vergleich enthaltenen Bedingungen in guter und gehöriger Form aussprechen zu können.

Nachdem dann auch die höchsten Behörden jedes Cantons den Gegenstand dieser Überweisung in reife Berathung gezogen, und ihre Endbeschlüsse darüber der Bundesbehörde nach und nach eingesandt haben;

So hat die Tagsatzung der schweizerischen Eidsgenossenschaft, in Kraft der in ihrem Archive niedergelegten Urkunden, und der in ihr Protocoll eingerückten Erklärungen, aus denen sich ergiebt, daß eine, jene Stimmenzahl, welche der Bundesvertrag (gemeint war der provisorische vom 9. September 1814) für die Annahme der wichtigsten Beschlüsse der Eidsgenossenschaft erheischt, übersteigende Mehrheit der Cantone ihre bejahende Stimme ausgesprochen hat, woraus dann in Gemäßheit der Verfassung die Annahme der gesammten Eidsgenossenschaft von selbst hervorgeht,

beschlossen, was folgt:

1. Dei Tagsatzung spricht im Namen der schweizerischen Eidsgenossenschaft den beitritt zu der Erklärung der am Congresse in Wien versammelten Mächte vom 20. März 1815 aus, und verheißt, daß die Bedingungen des, dieser Urkunde einverleibten, Vergleichs getreu und gewissenhaft erfüllt werden sollen.

2. Die Tagsatzung drückt den unverlöschlichen Dank der Schweizernation gegen die höhen Mächte aus, welche ihr durch obgedachte Erklärung, neben einer günstigsten Gebietsausründung, wichtige vormalige Gränzen zurückgeben, drei neue Cantone ihrem Bundes einverleiben, und die feierliche Versicherung ertheilen, die immerwährende Neutralität anzuerkennen und zu gewährleisten, welche das gemeinsame europäische Staaten-Interesse zu Gunsten der Eidsgenossenschaft erheischt. Sie bezeugt die gleichmäßigen dankbaren Gesinnungen für das ausharrende Wohlwollen, womit die erlauchten Monarchen sich die Ausgleichung der Zerwürfnisse haben angelegen seyn lassen, die zwischen den Cantonen entstanden waren.

3. In Folge der gegenwärtigen Beitrittsurkunde und der zu Wien unterm 20. März 1815 von dem Fürsten von Metternich, Präsidenten der Conferenzen der acht Mächte, an die schweizerischen Abgeordneten gerichteten Note, drückt die Tagsatzung den Wunsch aus, daß es den in der Schweiz residirenden Ministern Ihro Majestäten gefallen möge, in Gemäßheit der ihnen zugekommenen Aufträge und Vollmachten, den Verfügungen der Erklärung vom 20. März Folge zu geben, und die Vollziehung der darin ausgedrückten Verpflichtungen zu vervollständigen.

    Zu Bekräftigung des Obstehenden ward Gegenwärtiges unterzeichnet und besiegelt, in Zürich am 27. Mai 1815.

Im Namen der eidsgenössischen Tagsatzung:
Der Amtsbürgermeister des Cantons Zürich, Präsident derselben,
von Wyß

Der Kanzler der Eidsgenossenschaft
Mousson.

 


Quellen: K.H.L. Pölitz, Die europäischen Verfassungen seit dem Jahre 1789, Brockhaus Leipzig 1833
© 15. Mai 2005 - 26. Mai 2005


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